Die vier Grundsituationen des Wortens der Welt

Von diesem Ansatz aus ließe sich schematisch ein Gegenüber von Wirklichkeit und Welt ableiten, das allerdings weniger als Gegensatz zu verstehen ist, sondern viel eher als Eingebettetsein menschlich gelebter Welt in übergreifende Wirklichkeit. Insbesondere wäre zu beachten, daß Welt und Wirklichkeit weder einfach als Menschliches und Außermenschliches zu interpretieren noch durch unveränderliche Schranken voneinander getrennt zu denken sind. Menschlich gelebte Welt wird aus der Gesamtheit menschlicher Sinnes- und Geisteskräfte heraus gestaltet. Dabei kann sowohl innermenschliche Welt ausgebaut wie außermenschliche Wirklichkeit anverwandelt, in menschliche Welt übergeführt, wie Menschliches in der Ungewußtheit der Wirklichkeit belassen werden. Sieht man menschlich gelebte Welt unter diesen Bedingungen, so ist ihr Aufbau von allen menschlichen Kräften getragen und grundsätzlich als eine Ganzheit anzusehen. Trotzdem wird man die spezifischen Wirkungsweisen einzelner dieser Kräfte zu analysieren suchen. In sinnvoller Analogie zu den spezifischen Anverwandlungsformen der einzelnen körperlichen Sinne (Auge, Ohr usw.) wird man auch nach den spezifischen Wirkungsweisen einzelner geistiger Kräfte fragen.

Auf die Sprachkraft angewandt, würde sich das so darstellen: Angesichts der charakteristischen Wirkungsform der Sprachkraft (deutliche Erkennbarkeit der sprachlichen Zugriffe) ist es gerechtfertigt, dem spezifischen Einschlag der Sprache im Aufbau menschlicher Welt nachzugehen. Es scheint, daß man grundsätzlich mit vier Grundformen möglicher sprachlicher Wirkungsweise rechnen kann, mit „vier Schauplätzen des Wortens der Welt“. Alles was die Sprachkraft erarbeiten kann, zeigt den Grundcharakter von Welt: dem menschlichen Bewußtsein zugängliche, den menschlichen Möglichkeiten angemessene Aufbauelemente gelebter Welt. Die Rede von einer Sprachwelt zeigt hier ihren vollen Sinn: der Inbegriff aller die sprachliche Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Lebenswirklichkeit vollziehenden Zugriffe.

Beim Aufbau menschlicher Sprachwelt sind die vier Grundfälle denkbar:

I. Die Sprachkraft tritt in unmittelbare Wechselwirkung mit der Wirklichkeit.
II. Die Sprachkraft trifft auf bereits durch andere menschliche Sinnes- und Geisteskräfte in menschliche Welt übergeführte Wirklichkeit.
III. Die Sprachkraft trifft auf die Entfaltungsformen innermenschlicher Welt aus außersprachlichen menschlichen Kräften.
IV: Die Sprachkraft schafft gemäß ihrem eigenen Gesetz geistige Sprachwelt.

Bei aller Schematisierung werden hier vier verschiedene Bedingungskomplexe deutlich, aus denen in jeweils eigener Weise Sprachwelt erwächst. In der Ganzheit einer bestehenden Sprache müßten sie alle vier nachweisbar sein und umgekehrt müßten alle sprachlichen Zugriffe (in einfacher oder auch verwickelter Form) mit ihnen in Verbindung stehen. Es muß also im Konkreten aufgesucht werden, ob wir damit vier Grundsituationen des Wortens der Welt aufgedeckt haben und ob von da aus die einzelnen Sprachphänomene in ihrer Leistung, in der Tragweite ihres Zugriffs beurteilt werden können.