Das Wesen der Erfahrung

Um die eigentümlichen, überraschenden und wichtigen logischen Eigenschaften der Begriffe zu würdigen, die auf sich selbst angewandt werden können (Begriffe zweiter Ordnung, autologische Begriffe), muß ich Sie auf die Literatur verweisen (Loefgren 1984; Varela 1972; von Foerster 1976). Nichtsdestoweniger möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf den selbstreferentiellen Charakter dieser Begriffe lenken, und dies soll ein Warnsignal für jene sein, die sich vielleicht daran erinnern, daß Selbstreferenz für die Wurzel aller Paradoxien gehalten wird. Es gibt jedoch von Paradoxien freie stabile Lösungen für selbstreferentielle Ausdrücke, wenn die rekursive Natur des Problems erkannt wird. Der folgende Satz von Lee Sallows ist ein Beispiel dafür.

Only the fool would take trouble to verify that this sentence was composed of ten a’s, three b’s, four c’s, four d’s, forty-six e’s, sixteen f’s, four g’s, thirteen h’s, fifteen i’s, two k’s, nine l’s, four m’s, twenty-five n’s, twenty-four o’s, five p’s, sixteen r’s, forty-one s’s, thirty-seven t’s, ten u’s, eight v’s, eight w’s, four x’s, eleven y’s, twenty-seven commas, twentythree apostrophes, seven hyphens, and, last but not least, a single!“

Die Aufforderung am Anfang dieser tour de force sollte niemanden davon abschrecken, den selbstreferentiellen Anspruch dieses Ausdrucks zu verifizieren. Mathematische Probleme von ähnlicher logischer Struktur sind etwa seit einem Jahrhundert bekannt und auch gelöst. Nach David Hilbert (1971) heißen die Lösungen solcher Probleme Eigenwerte oder Eigenfunktionen. Wollen wir nun das Problem einer Theorie des Erkennens lösen, also eine Epistemologie erzeugen, dann muß sie von solcher Art sein, daß sie sich selbst erklärt, oder in Hilberts Sprache, daß sie eine Eigentheorie ist. Jean Piaget (1980) verknüpft Verstehen mit der Erfahrung aus Handeln:

„Kein Wissen ist ausschließlich auf Wahrnehmungen gegründet, denn diese sind stets von Handlungsschemata geleitet und begleitet. Wissen ergibt sich daher aus Handeln.“

Wenn also eine Theorie des Erkennens synonym mit Epistemologie ist, dann gilt dies auch für eine Theorie der Erfahrung. Die orthodoxe Nebeneinanderstellung von Ontologie und Epistemologie drückt ja in der Tat aus, daß die Ontologie das Wesen der Welt erklärt und die Epistemologie das Wesen unserer Erfahrung dieser Welt. Auch wenn man nun den Ontologen nur davor warnen kann, in die Falle des naiven Realismus zu gehen, kann man für den Epistemologen die Falle völlig beseitigen, indem man die letzten beiden Wörter in dem obigen Satz eliminiert: Epistemologien erklären das Wesen unserer Erfahrungen. Daraus folgt:

  • Erfahrung ist die Ursache
  • Die Welt ist die Folge
  • Die Epistemologie ist die Transformationsregel