Grundzüge einer neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker

Die erste Natur war durch eine mächtige Täuschung der Phantasie, die desto stärker wirkt, je schwächer die Vernunfteinsicht ist, eine poetische oder schöpferische, es sei uns erlaubt zu sagen, eine göttliche Natur; als welche den Körpern das Wesen von Göttern beseelter Substanzen zuschrieb, und sie ihnen zuschrieb nach ihrer eigenen Idee, welche Natur, die war der theologischen Dichter, so die ältesten Weisen aller Völker des Heidenthumes gewesen sind; sintemal alle heidnischen Nationen gegründet wurden auf den Glauben, den eine jede von bestimmten ihr eigenthümlichen Göttern hatte. Von der anderen Seite war diese Natur ganz wild und unmenschlich; aber eben vermöge jenes Irrthumes ihrer Phantasie, fürchteten sie mit Entsetzen die Götter,  welche sie selbst sich erdichtet hatten: wovon folgende zwo ewige Eigenthümlichkeiten geblieben sind; die eine, daß die Religion das einzige kräftige Mittel ist, die Wildheit der Völker zu zügeln; die zweite daß es dann um die Religion wohl steht, wann diejenigen selbst, die ihnen vorstehen, sie aufrichtig verehren. Die zweite war eine heroische Natur, von den Heroen selbst für göttliches Ursprunges gehalten; weil in dem Glauben, daß Alles die Götter thäten, sie sich für Söhne Jupiters hielten, als die unter seinen Auspicien geboren waren: in welchem Heroismus sie mit richtigem Sinne den natürlichen Adel setzten, weil sie von menschlicher Art waren; wodurch sie die Anfänge des menschlichen Geschlechtes wurden. Sie rühmten sich dieses natürlichen Adels  über die, welche aus der schandbaren viehischen Gemeinschaft, um sich zu retten in den Zwisten, die sothane Gemeinschaft hervorbrachte, sich späterhin in ihre Freistätten geborgen hatten: und die, weil sie dahin gekommen waren ohne Götter, sie für Thiere hielten; wie über die eine und die andere Natur oben gehandelt worden. Die dritte war die intelligente, folglich bescheidene, milde und vernünftige, menschliche Natur; welche als Gesetze das Gewissen, das Recht, die Pflicht anerkennt.