Drei Thesen über Erkenntnistheorie und die ›Welt 3‹

Ich hätte diejenigen, die von meiner negativen Einstellung gegenüber Platon und Hegel gehört haben, dadurch herausfordern können, daß ich die Vorlesung »Eine Theorie der Platonischen Welt« oder »Eine Theorie des Objektiven Geistes« genannt hätte. Der Hauptgegenstand dieser Vorlesung wird das sein, was ich mangels eines besseren Namens oft »die Welt 3« nenne. Zur Erklärung dieses Ausdrucks möchte ich sagen: Ohne die Wörter »Welt« oder »Universum« allzu ernst zu nehmen, kann man folgende drei Welten oder Universen unterscheiden: 

erstens die Welt der physikalischen Gegenstände oder physikalischen Zustände;
zweitens die Welt der Bewußtseinszustände oder geistigen Zustände oder vielleicht der Verhaltensdispositionen zum Handeln; und
drittens die Welt der objektiven Gedankeninhalte, insbesondere der wissenschaftlichen und dichterischen Gedanken und der Kunstwerke.

Was ich also »die Welt 3« nenne, hat zugegebenermaßen Platons Theorie der Formen oder Ideen gemeinsam und daher auch mit Hegels Objektivem Geist; jedoch unterscheidet sich meine Theorie in einigen entscheidenden Punkten grundlegend von der Platons und Hegels. Mehr hat sie noch mit Bolzanos Theorie des Reichs der Sätze an sich und Wahrheiten an sich zu tun, obwohl sie sich auch von dieser unterscheidet. Meine Welt 3 ähnelt am meisten der Welt von Freges objektiven Gedankeninhalten. Ich bin nicht der Auffassung und behaupte hier nicht, daß wir unsere Welten nicht anders oder auch gar nicht abzählen könnten. Wir könnten insbesondere mehr als drei Welten unterscheiden. Mein Ausdruck »die Welt 3« dient lediglich der Bequemlichkeit.  Indem ich eine objektive Welt 3 verteidige, so hoffe ich, damit jene Denker herauszufordern, die ich »Philosophen des Glaubens« nenne: die sich wie Descartes, Locke, Berkeley, Hume, Kant oder Russell für unsere subjektiven Überzeugungen und ihre Grundlagen oder ihren Ursprung interessieren. Gegen diese Philosophen des Glaubens behaupte ich, unser Problem sei, bessere und kühnere Theorien zu finden; und daß kritische Präferenz zähle, aber nicht Glaube. Ich möchte aber gleich zu Anfang bekennen, daß ich Realist bin: Ich behaupte, ungefähr wie ein naiver Realist, daß es physikalische Welten und eine Welt der Bewußtseinszustände gibt und daß sie aufeinander wirken. Und ich glaube, daß es eine Welt 3 gibt in einem Sinne, den ich genauer erklären werde.  Zu den Bewohnern meiner »Welt 3« gehören, um mehr ins einzelne zu gehen, theoretische Systeme; aber ebenso wichtig sind Probleme und Problemsituationen. Und ich werde behaupten, daß die wichtigsten Bewohner dieser Welt kritische Argumente sind und das, was man — in Analogie zu einem physikalischen Zustand oder einem Bewußtseinszustand — den Stand einer Diskussion oder den Stand einer kritischen Auseinandersetzung nennen kann; und natürlich gehört auch der Inhalt von Zeitschriften, Büchern und Bibliotheken dazu.