Von heiligen Ritualen zur technologischen Zivilisation

Bis jetzt habe ich das Ritual um der Verständlichkeit willen so dargestellt, als wäre es eine unabhängige Reihe kollektiver Handlungen; man muß jedoch sehen, daß diese Handlungen von Anfang an eine spezifische Qualität besaßen: Sie hatten mit dem Heiligen zu tun. Mit »heilig« meine ich frei vom Druck der bloßen Selbsterhaltung und Selbstbewahrung, dank einer wichtigen Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten. War das Ritual die früheste Form der Arbeit, so war es heilige Arbeit; und der Ort, an dem es vollzogen wurde, war ein heiliger Ort – durch eine Quelle, einen großen Baum oder Stein, eine Höhle oder Grotte gekennzeichnet. Jene, die im Vollzug dieser heiligen Arbeit geübt waren, entwickelten sich zu Schamanen, Magiern, Hexern und schließlich zu Königen und Priestern: Spezialisten, die vom Rest des Stammes abgehoben waren durch ihre überlegenen Talente, ihre Fähigkeit, zu träumen oder Träume zu deuten, die Ordnung des Rituals zu beherrschen und die Zeichen der Natur zu interpretieren. Die Schaffung dieses Reichs des Heiligen, eines Reichs für sich, das als Verbindungsglied zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Gegenwärtigem und Ewigem diente, war einer der entscheidenden Schritte in der Wandlung des Menschen. Es ist anzunehmen, daß diese drei Aspekte des Rituals, der heilige Ort, die heiligen Handlungen und die heiligen Kultführer, sich von Anfang an gemeinsam entwickelten und im gegebenen Augenblick in den Dienst der Religion traten. Doch veränderten sich alle diese Komponenten so langsam, daß sie inmitten vieler späterer Veränderungen in der Umwelt oder der Gesellschaftsordnung ihre Kontinuität wahrten. Und man kann die Kräftekonzentration, die die im vierten Jahrtausend vor Christus entstandenen technologischen Zivilisationen ermöglichte, nicht ausreichend verstehen, wenn man diesen kolossalen Wandel nicht vor dem jahrtausendealten Hintergrund der heiligen Rituale betrachtet.