Kanon der Kreativität

Die Behauptung, das Universum könne ohne speicherbare Energie nicht be­stehen, ist eine Binsenwahrheit. Wichtiger ist die Erkenntnis, das ohne die andere, un­konservierbare Form der Energie — die Spontaneität — die Kreativität des Universums nicht ausgelöst und betätigt werden kann, das also das Universum zu einem Stillstand käme. Nur wenig Spontaneität scheint im Universum vorhanden zu sein. Sollte den­noch ein Überfluß an Spontaneität bestehen, so steht dem Menschen nur ein ge­ringer Bruchteil zur Verfügung, der kaum zur Sicherung seines zukünftigen Lebens genügt. Bisher hat der Mensch überdies alles getan, um die Entwicklung seiner Spontaneität zu hemmen. Mit einem unpassenden und noch ungeschulten Orga­nismus wollte er sich nicht auf die Beweglichkeit und Unsicherheit des Augen­blicks verlassen. Er begünstigte die Entwicklung der Intelligenz, des Gedächtnis­ses, sozialer, kultureller und technischer Konserven. Sie gaben ihm die gewünschte Stütze, machten ihn aber allmählich zum Sklaven seiner eigenen Krücken. Hat der Spontaneitäts-Kreativitatsprozeß eine bestimmte neurologische Lokalität, so hat diese die im ganzen menschlichen Nervensystem am schwächsten ausgebildete Funktion. Die Schwierigkeit besteht darin, daß man Spontaneität nicht aufspeichern kann. Man ist in einem bestimmten Augenblick entweder spontan oder nicht. Warum aber ist die Spontaneität so schwach entwickelt, da sie für den Menschen doch so große Bedeutung hat? Die Antwort lautet: Der Mensch fürchtet die Spon­taneität, genau wie sein Vorfahr im Urwald das Feuer gefürchtet hat; er fürchtete es, bis er lernte, selbst Feuer zu entzünden. Der Mensch wird seine Spontaneität so lange fürchten, bis er sie beherrschen und lenken lernt.