Der Staat

[…] Das so Geschaffene hat keine Wirklichkeit.‹

›Richtig. Und für unsere Untersuchung kommt deine Antwort wie gerufen. Zu solchen Tausendkünstlern gehört nämlich auch der Maler, glaube ich. Nicht wahr?‹

›Ohne Zweifel.‹

›Du wirst sagen, auch seine Schöpfungen haben keine Wirklichkeit. Aber in gewissem Sinne macht er doch Stühle. Oder nicht?‹

›Doch. Scheinbare Stühle macht er.‹

›Nun aber der Stuhlmacher! Du sagtest eben, er mache nicht die Idee des Stuhls, also den Stuhl in seiner Wirklichkeit, sondern nur einen einzelnen Stuhl.‹

›Ja.‹ 

›Macht er aber nicht den wirklichen Stuhl, so hat auch seine Schöpfung keine Wirklichkeit, sondern ist bloß etwas der Wirklichkeit Verwandtes. Wenn jemand sagt, die Arbeit eines Stuhlmachers oder eines anderen Handwerkers sei etwas vollkommen Wirkliches, so ist das nicht der Wahrheit gemäß.‹

›Nein. Wenigstens nicht nach der Auffassung derer, die mit diesen Betrachtungen vertraut sind.‹ 

›Wir wundern uns darüber nicht, daß ihre Arbeit im Vergleich zur Wirklichkeit etwas Schwankendes hat.‹ 

›Nein.‹ 

›Nun laß uns untersuchen, wer in unserem Beispiel ein Nachahmer ist. Willst du?‹ 

›Wenn du es willst, ja.‹ 

›Es sind dreierlei Stühle. Den ersten, der der Natur angehört, hat ein Gott geschaffen, so dürfen wir wohl sagen. Oder ist es jemand anderes?‹

›Niemand.‹ 

›Den zweiten macht der Handwerker.‹

›Ja.‹

›Den dritten der Maler, nicht wahr?‹

›Meinetwegen.‹

›Maler, Stuhlmacher, Gott, jeder von ihnen ist Schöpfer einer Art von Stühlen.‹