Psychologie

Ein ganz anderer Gedanken ist es denn auch, welcher gemeiniglich diejenigen leitet, die eine solche Begriffsbestimmung befürworten. Sie leugnen nicht, daß Denken und Wollen wahrhaft bestehen. Und sie gebrauchen den Ausdruck psychische Phänomene oder psychische Erscheinungen als vollkommen gleichbedeutend mit psychischen Zuständen, Vorgängen und Ereignissen, wie sie uns die innere Wahrnehmung zeigt. Aber dennoch bezieht sich auch bei ihnen der Widerspruch gegen die ältere Begriffsbestimmung darauf, daß in dieser die Grenzen der Erkenntnis verkannt werden. Wenn einer sagt, die Naturwissenschaft sei die Wissenschaft von den Körpern, und unter Körper eine Substanz versteht, welche auf die Sinnesorgane wirkend die Vorstellung von psychischen Phänomenen hervorbringe, so nimmt er an, daß den äußern Erscheinungen Substanzen als Ursachen zugrunde liegen. Und wenn einer sagt, die Psychologie sei die Wissenschaft von der Seele, und mit dem Namen Seele den substantiellen Träger psychischer Zustände bezeichnet, so spricht er darin die Überzeugung aus, daß die psychischen Erscheinungen als Eigenschaften einer Substanz zu betrachten seien. Aber was berechtigt zur Annahme solcher Substanzen? — Ein Gegenstand der Erfahrung, sagt man, sind sie nicht. Weder die Empfindung zeigt uns eine Substanz, noch die innere Wahrnehmung. Wie uns dort die Phänomene von Wärme, Farbe und Schall begegnen, so bieten sich hier die Erscheinungen des Denkens, Fühlens, Wollens dar. Ein Wesen, dem sie als Eigenschaften anhafteten, bemerken wir nicht. Es ist eine Fiktion, der keinerlei Wirklichkeit entspricht, oder für die, wenn ihr sogar ein Bestehen zukäme, es auf jeden Fall nicht nachweisbar sein würde. So ist sie offenbar kein Gegenstand der Wissenschaft. Und weder die Naturwissenschaft darf als die Wissenschaft von den Körpern, noch die Psychologie als die Wissenschaft von der Seele bestimmt werden, sondern jene wird bloß als die Wissenschaft von den physischen, und diese, in ähnlicher Weise, als die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen zu fassen sein. Eine Seele gibt es nicht, wenigstens nicht für uns; eine Psychologie kann und soll es nichtsdestoweniger geben; aber — um den paradoxen Ausdruck von Albert Lange zu gebrauchen — eine Psychologie ohne Seele.