›Die‹ Sprache der Menschen

Wir bilden den Singularis ›die‹ Sprache und behaupten, es lasse sich mit diesem Singularis als Subjekt ein inhaltschweres Prädikat verbinden, es gäbe ein Strukturmodell ›der‹ Sprache (= la langue). Der Tatbestand als solcher, um den es dabei geht, ist den Linguisten nicht verborgen geblieben; ich zitiere ein Wort Meillets, das in einem für uns wichtigen Kontext steht: „Tous les hommes se servent de procédés phoniques semblables en gros, tous parlent par mots groupés de diverses manières. Le détail varie; le fond des procédés linguistiques est le même dans toute l’humanité.“ Wenn man dies durch eine verschärfende Interpretation so ausgestalten darf, wie wir es brauchen, so würde ich aus den zwei Meilletschen Sätzen drei machen. 

Da sind erstens die Laute. Das gemeinsame Moment in der Lautverwendung, die wir bei allen Menschen finden, liegt einmal in dem (phonetischen) Tatbestande der überaus feinen und wendigen „Artikulation“ und dann in dem anderen (phonologischen) Tatbestande, daß es überall ein wohldefiniertes System von Phonemen gibt, beschlossen. Die Tatsache der Artikulation allein charakterisiert die Menschensprache nicht scharf genug, wohl aber das, was damit gemacht wird, nämlich der Gebrauch von Phonemen. Weiter: das Sprechen ›par mots groupés de diverses manières‹ ist begrifflich aufzulösen in die zwei Thesen, daß es überhaupt Wörter gibt und daß es auf ihre „Gruppierung“ (= Syntaxe) entscheidend ankommt. Das heißt zusammengefaßt und in einer Ausdrucksweise, die dieser Essay vorschlägt: es gibt in jeder Menschensprache erstens ein System von Phonemen, zweitens lexikalische Sinneinheiten und drittens eine Syntax. Was ich nun behaupte, ist das folgende: Diese drei Tatbestände sind in ›der‹ Sprache der Menschen nicht äußerlich wie die Kiesel in einem Bach zusammengeraten, sondern sie bedingen sich gegenseitig, sie stehen in einem strukturgesetzlichen Zusammenhang.