Pädagogik als „Wissenschaft in ihrem idealen Endzustand“

Es wurde schon erwähnt, daß in einem Teil dieser pädagogischen Variablen Information über die anderen steckt. Genauer: Sind einige pädagogische Variablen festgelegt, dann können die anderen nicht mehr ganz beliebig festgelegt werden. Nicht jede Festlegung von L, M, P, S, Ζ und Λ ist also eine Beschreibung einer möglichen Lehrsituation. Insbesondere kann gefragt werden, welche Lehralgorithmen einen gegebenen Lehrstoff mit einem gegebenen Medium einem gegebenen Adressaten in einer gegebenen soziokulturellen Umwelt mit einer geforderten Gründlichkeit zu vermitteln gestatten. Die Gesamtheit der Fragestellungen, Begriffe und Methoden, die entstehen, eingeführt
und angewandt werden, wenn ein Teil der pädagogischen Variablen festgelegt ist und eine damit verträgliche Festlegung der übrigen gesucht wird, nennen wir Didaktik. Der didaktische Prozeß ist also die Vorbereitung des Lehrprozesses. Beide zusammen bilden den Begriff des didaktischen Informationsumsatzes. — Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, daß unter den sechs Komponenten des didaktischen Informationsumsatzes im allgemeinen n i c h t , wie in Paul Heimanns (1962) Didaktik des Grundschulunterrichts, den Variablen S und Ρ eine Sonderstellung zukommt, insofern diese sich etwa einer Entscheidung entzögen und grundsätzlich als Bedingungen
der Entscheidung über die anderen Variablen berücksichtigt werden müßten. Das gilt außerhalb der Grundschuldidaktik nahezu nirgends, insbesondere nicht in der Industriedidaktik. Hier sind Soziostruktur und Psychostruktur nicht unveränderlich vorgegeben: ein Managementtraining kann in ein entlegenes Bergdorf verlagert, und zum
Kurs nur freigestellt werden, wer die erforderliche Lernfähigkeit und Vorkenntnis mitbringt. Keineswegs ist also die moderne Industriepädagogik vorrangig am Menschen und seiner Umwelt orientiert; beide sind vielmehr beliebig auswechselbar, soweit dadurch ein für das Unternehmen günstiger didaktischer Informationsumsatz erreicht werden kann.
Es kann jedoch für die Gesamtgesellschaft (oder auch schon für ein Einzelunternehmen) Gründe geben, manchmal eine in bestimmter Richtung erfolgende Veränderung des Lernzustandes a l l e r Glieder der Gesellschaft zu fordern und nicht nur der Ausbildung neu benötigter Spezialisten jeweils eine Vorsortierung passender Adressaten
vorauszuschicken. Der didaktische Informationsumsatz wird nämlich vom umgreifenden soziotechnischen System an drei Stellen beeinflußt:
Die Normen und Verhaltensformen der Gesellschaft (des soziotechnischen Systems) bedingen a) die Variable Ζ und b) die Variable S; außerdem ist c) die Variable L vom jeweiligen Stand von Kunst, Wissenschaft und Technik abhängig. Diese Randbedingungen sind aber nicht unveränderlich sondern ihrerseits eine Folge der in der Vergangenheit
erfolgten oder unterlassenen pädagogischen Einwirkungen auf die Gesamtheit der Adressaten (sowie eine Folge der unmittelbaren Einflüsse der Pädagogen).
Bild 1 faßt die bisherigen Überlegungen für den Fall einer didaktischen Instanz zusammen, die Λ zur einzigen abhängigen Veränderlichen macht. An diesem Bilde orientieren wir uns, wenn wir nunmehr einen systematischen Aufbau der Pädagogik als „Wissenschaft in ihrem idealen Endzustand“ entwerfen.